Nachwuchsforschergruppe
Flexible Schreiber in der Sprachgeschichte

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1. Kurzbeschreibung

Wir variieren ständig bei der Verwendung von Sprache. Dabei passen wir uns unterschiedlichen Situationen und Gesprächspartnern an, setzen Sprache gezielt ein, um bestimmte Emotionen und auch Handlungen zu evozieren, verändern – bewusst oder unbewusst – Wortschatz und Grammatik je nach aktueller Stimmung, und zudem wandelt sich auch unser Sprachgebrauch im Laufe der Jahre. Die Nachwuchsforschergruppe überträgt die Beobachtungen der modernen Soziolinguistik zur internen sprachlichen Variabilität in die Sprachgeschichte und stellt sich die Frage, ob auch historische Schreiberinnen und Schreiber sprachliche Flexibilität zeigten. Inwiefern passten sich diese also den erforderlichen schriftsprachlichen Normen unterschiedlicher Textsorten und Verschriftungssituationen an? Waren sie sich dieser Anpassungen bewusst und darüber hinaus auch in der Lage, aktiv ihre Sprachwahl zu steuern? Fokus soll hierbei weniger auf privilegierten und höher gebildeten Personen liegen denn auf dem Großteil der Bevölkerung, also ‚einfachen Schreibern‘ mit geringerer Schulbildung und bäuerlichen sowie handwerklichen Berufen.

Als Datengrundlage dienen hauptsächlich Briefe und weitere persönliche Dokumente von ehemaligen Patientinnen und Patienten psychiatrischer Anstalten des 19. und frühen 20. Jahrhunderts. In diesen Institutionen, die im Zuge der Institutionalisierung der Psychiatrie im 19. Jahrhundert in großer Anzahl in den deutschen Ländern entstanden sind, herrschte die Praxis, bestimmte Briefe nicht abzuschicken, sondern den Patientenakten beizulegen, wo diese seitdem meist unbeachtet schlummern. Im Forschungsprojekt widmen wir uns diesen Briefen aus interdisziplinärer Perspektive und erstellen zunächst ein elektronisches und frei zugängliches Briefkorpus mit Material aus Süddeutschland (psychiatrische Anstalt Irsee/Kaufbeuren), Norddeutschland und Großbritannien. Dieses untersuchen wir anschließend hinsichtlich der Hypothese, dass auch ‚einfache Schreiber‘ sich bewusst für den Einsatz unterschiedlicher sprachlicher Register und damit auch unterschiedlicher (Bündel von) Varianten entscheiden konnten.

Das Forschungsprojekt entwickelt dabei Methoden zur Kombination funktionaler mit strukturellen Herangehensweisen an sprachliche Variation und schließt an eine integrative Theoriebildung in der Variationsforschung an. Die Spezifik dieses Korpus erlaubt es darüber hinaus, den Einfluss von Alter und/oder Krankheiten auf den Sprachgebrauch zu analysieren, und leistet dabei Pionierarbeit im Bereich einer Historischen Patholinguistik. Ethische Relevanz erhält das Projekt durch die Untersuchung von Textbewertungen, der Zensurpraxis und der Legitimation von Wissen und Macht – schließlich ergreifen die Patienten mit ihren Erfahrungen im psychiatrischen Kontext nun selbst das Wort, welches ihnen damals verwehrt wurde.

Die Nachwuchsforschergruppe (Laufzeit: 2017–2022) besteht aus dem Gruppenleiter, insgesamt sechs Doktoranden und einigen studentischen Hilfskräften, ist angesiedelt am Lehrstuhl für Germanistische Sprachwissenschaft (Prof. Dr. Mechthild Habermann) der FAU Erlangen-Nürnberg und integriert in den Elitestudiengang „Ethik der Textkulturen“ der Universitäten Erlangen und Augsburg. Sie baut auf umfangreichen Vorarbeiten auf, beginnend mit Forschungsmitteln der Universität Augsburg (Frühjahr 2014) und einer dreijährigen Förderung durch die Alexander-von-Humboldt-Stiftung (08/2014 bis 07/2017) an der University of Bristol und der Universität Augsburg.

2. Beispiel

Den folgenden Brief schrieb Balbina H., 46 Jahre alt, im September 1909 an ihre Tochter Anna.


© Bezirkskrankenhaus Kaufbeuren, Aktennr. 1996

Vgl. dazu Schiegg, Markus (2015): "The Invisible Language of Patients from 'Lunatic Asylums'." Anna Havinga & Nils Langer (eds.): Invisible Languages in the 19th Century (Historical Sociolinguistics). Oxford: Lang, pp. 71-94.

       Ihrsee den 2. Septbr
                      1909.
         Liebe Anna!

Es komt wieder ein kalter
Winter und ich liebe An̄a
brauhet ein warmes Heß
Unterock u. noch viel
andere sachen, Ich will
auch nicht aleweil an mein
Verwante schreiben es ver-
leidet ihne auch wen alle
weil ein Geld brauch, obwohl
schuh viel mir gebe hend.
Itz mir der eifall kom̄e ist
daß Du lie An̄a oder
die Bube vu meim ver-
storbene Ma solba den
Mehlring u. Uhr ketene

[S. 2]

verkaufe den Ring kön̄te
sellalöge aber ich brauch
kuin weil ich so schwer
krank bin u Geld noth-
wendig brauch drum bitte
dich liebe Ana wirst doch
so gut sein und inn der
Anstalt in Kaufbeurn
den Ring u Uhr hollest
und verkaufe do nim̄st doch
wieder abisle Geld ing
der Ring hot 6 Mark
28 Mark mit keten
hot Uh Uhr kostet. den
wen̄ so gut bist kaste
mir das Geld schicke.
oder ah Heß und etwas
zum Esse schike, ich kan̄
mih gar nicht halte

[S. 3]

in kuim stuk so muß
ich als Ese was kom̄t
hab gar nigs zu meim
krank sei zum zusetze.

Jetzt wili mein Schreibe
beschließe und laß die
Gehrthe Frau Obrin und
meine Kinder schön Grüße
bitte nochmal thut mir den
willen erfilen
Es grüßt Euch vielmal

        Eure Mutter
        Balbina H.

atrese  Fr An̄a H. im
     Weisenhaus in
     Kaufbeuren
         Irsee. 2 September
                      1909.
         Dear Anna!

A cold winter is coming
again and I, dear Anna,
would need some warm clothes,
an underskirt and many
other things. I don't
want to write to my relatives
perpetually; they are getting
annoyed by my constant
need for money; they have
already given me a lot, though.
Now, it came to my mind
that you, dear Anna, or
my deceased husband's
sons themselves should sell the
engagement ring and the watch chain.

[p. 2]

I could wear the ring
myself, but I do not need
one because I am so severely
sick and need money so
necessarily that I ask
you, dear Anna, would you be
so kind and fetch the ring
and the watch from the
asylum in Kaufbeuren
and sell them. Then you again
earn some money.
The ring cost 6 marks;
the watch together with the chain
28 marks. If you be so
kind, you can
send me the money;
or some clothes and
something to eat; I cannot
keep my weight

[p. 3]

by any means so that I need to
eat anything that is served.
I don't have any additional food
to gain weight during my illness.

Now, I want to close my
letter and send the
respected hospital matron and
my children kind greetings.
Again, please fulfil
my will.
Many wishes to you,

        Your mother
        Balbina H.

address  Ms Anna H. in the
     orphanage in
     Kaufbeuren


3. Weitere Beispiele