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J.T.
20. Sept 1908.


Lieber Max!


Ich habe mich gestern Abend sehr gefreut,
daß du mir noch den gewünschten Käse
geschickt hast. - Heute habe ich Gott sei
Dank sehr gut geschlafen u. fühle mich
dann infolge dessen bedeutend kräftiger.
Entschuldige, daß ich gestern so erregt
war; es tat mir nachher furchtbar leid;
du weißt ja, daß seit November ein
harter Schicksalsschlag um den anderen
kam, u da wird der gläubigste
Mensch bitter! Es ist ferner eine wahre
Schiksals
tragödie über uns, Papa u
Karl u unsere guten, vernünftigen
Kinder herein gebrochen! Wenn man
dann als Jüdin gar keinen




geistlichen Zuspruch hat, so ist es nicht
zu verwundern, wenn man fast
an Gottes Güte u Gerechtigkeit ver-
zweifelt! - Gestern war meine
Stim̄ung gallenbitter u ich bedaure
wenn ich dir Vorwürfe gemacht habe;
ich will aufs Neue versuchen mich mit
dem schweren Geschick abzufinden; also
verzeihe! -
Heute ist unser Verlobungstag! So
haben wir ihn auch noch nie gefeiert!
Hoffentlich gibt uns der l. Gott jetzt
in absehbarer Zeit völlige Genesung,
wie es in unserem tägl. Hauptgebet
heißt: "Er heilet die Kranken, er schützet die
Fallenden, er befreit die Gefesselten,
und ist den Wankenden eine Stütze!-
Also, b'hüat di Gott!

Auf Wiedersehen morgen

wenn Karl kom̄t!
d. treue Josefine